Where are the minutes? Das PBL-System in Holland

In Deutschland wird das Studium meist mit großen Vorlesungssälen, langen Präsentationen von Professoren und dem stundenlangen Auswendiglernen des Kursstoffes assoziiert. Doch das Studium in Holland funktioniert anders. Klar, Vorlesungen und vorgeschriebenen Lernstoff gibt es hier auch, aber der Großteil des Studiums läuft in kleineren Gruppen von 10-15 Personen ab. In diesen Gruppen-Workshops wird man zuerst mit dem Problem basiertem Lernen konfrontiert. Was das genau ist, wusste am Anfang hier auch keiner.

Die 7 Schritte des PBL-Systems. Das sind doch gar nicht so viele, denke ich mir, während ich ein letztes Mal die schillernd blaue Anleitung für die PBL-Workshops durchlese. Heute ist mein erster Tag hier und ich bin nervös. Neben mir stehen 11 weitere Neulinge und wenn ich mich so umschaue, bin ich nicht der einzige mit diesem Gefühl. Da erscheint auch schon unsere Lehrerin. Die werden hier Tutoren genannt, da wir uns ja hier alles selbst beibringen und nur ab und zu ein wenig Orientierung brauchen. Naja, nicht so ganz. Sie erklärt uns, dass ihre Rolle eher passiv ist und nur einschreitet, falls wir nicht auf ein ausreichendes Ergebnis kommen. Was denn für ein Ergebnis denke ich mir, aber schweige lieber. Nicht direkt am Anfang schon blöd dastehen. Es werden weitere Rollen verteilt unter den Studenten, es gibt eine Chairperson, ein Boardwriter, und ein Minute-maker. Dann geht es auch schon los.

Schritt Eins: Wir lesen einen Text. Also jetzt nicht irgendeinen, sondern einen relevanten Text zum Studium. Es wird ein Problem geschildert aus der Arbeitswelt und unsere Tutorin erwartet nun, dass wir das erkennen und eine Lösung finden. Ich lese den Text nochmals, denn erkannt habe ich nur mein Unwissen.

Schritt Zwei: Basierend auf dem Thema des Textes, schreiben wir eine Frage an die Tafel, die wir hoffen später beantworten zu können. Meistens klappt das auch. Zu Anfang herrscht Tumult und jeder von uns 12 hat eine andere Idee für das Problem Statement. Die Chairperson Emily unterbindet das nach einer Weile lautstark und es kehrt wieder Ruhe ein. Wir finden einen Kompromiss und fahren fort.

Schritt Drei: Wir brainstormen. Was so viel heißt wie: 12 Leute rufen ihr Vorwissen zu dem Thema in den Raum, während der Boardwriter verzweifelt versucht alles an die Tafel zu schreiben. Mir wird immer wieder bewusst, ich weiß überraschend wenig. Aber in PBL gibt es keine Zeit für Selbstmitleid, es geht heiter weiter.

Schritt Vier: Wir sortieren unseren Brainstorm. Das klappt am besten, falls man das Gekritzel vom Boardwriter noch vollständig entziffern kann.

Schritt Fünf: Dank unserer intensiven Diskussion zu dem Thema wissen wir nun, was wir nicht wissen. Also schreiben wir Learning Goals auf, die jeder selbstständig beantworten soll, bevor wir uns zur nächsten Session treffen. Und damit ist dieser Workshop auch schon vorbei. Die Klasse schaut nun erwartungsvoll zur Tutorin, denn wirklich sicher ist sich keiner mit dem Ergebnis. Ein kurzes Nicken, dann sagt sie: „Gut gemacht!“. Erleichterung macht sich breit. Der Minute-maker soll die Notizen dieser Stunde an alle schicken. Wir haben zwei Tage Zeit.

Zuhause angekommen schaue ich erstmal ein bisschen Netflix. Entspannt werfe ich einen Blick auf mein Handy und sehe mit Entsetzen 20 neue Nachrichten in dem Gruppenchat. Ich richte mich schlagartig auf, denn mir ist gerade eingefallen, dass ich ja der Minute-maker war. Schnell fertige ich das Dokument an und schicke es an alle. Gerade nochmal gut gegangen.

Schritt Sechs: Das Beantworten der Learning Goals mit Hilfe von verschiedenen, verlässlichen Quellen. Und nicht vergessen, APA nutzen zum referenzieren. Das hört sich jetzt nach einer Menge Spaß an und das ist es auch. Ich warte erst einmal bis zum zweiten Tag um damit anzufangen. #Klassiker

Schritt Sieben: Wir treffen uns wieder mit der Tutorin um unsere Recherche zu diskutieren und eine Antwort für unser Problem Statement zu finden. Jetzt geht es richtig rund hier und die neu ernannte Chairperson versucht zu leiten und zu schlichten. Der Boardwriter wird mit Informationen bombardiert und ich meine leichten Rauch von seiner Hand aufsteigen gesehen zu haben. Die Tafel ist schnell vollgeschrieben und eine Lösung zum Problem gefunden. Wir sind zufrieden mit unserem Ergebnis. Unsere Tutorin scheint weniger überzeugt aber meint es wäre gar nicht so schlecht für den Anfang. Nächste Woche gibt es ein neues Thema und es geht alles von vorne los. Es kann ja eigentlich nur besser werden.

Die 7 Schritte des PBL-Systems. In meinen Augen, einer der besten Methoden für mich wirklich etwas zu lernen. Und wenn das Thema interessant ist, macht selbst die nervige Recherche Spaß. Manchmal zumindest.

von Kaspar

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