Drehen wir mal ein TV Magazine – Der Studio Day 

Wer im Medienbereich studiert in Holland, wird unausweichlich mit praktischen Teilen des Kurses konfrontiert. Im Falle von Medien und Entertainment Management (MEM), werden Studenten im ersten Jahr ihre eigene Live-TV Show (30min) planen und durchführen. Das Projekt dauert circa zwei Wochen, inklusive Theorie, Workshops, Training und dem finalen „Studio Day“ – dem Tag der Aufnahme der TV Show. 12 MEM Studenten ziehen hier am selben Strang und nehmen verschiedene Positionen ein, einschließlich des „Directors“, der verantwortlich für den reibungslosen Ablauf des Drehs ist und die anderen Mitarbeiter dirigiert. Klar, Stress ist unvermeidbar bei so einem Projekt, doch der Spaßfaktor gleicht das ohne Probleme wieder aus. Ich spreche hier aus Erfahrung, denn unseren Studio Day werde ich wahrscheinlich nicht so schnell vergessen.

Es ist Montag, der erste Tag unseres Live-TV Show Projektes. Finn und ich sind gerade angekommen und setzen uns zu den anderen 10 Studenten, die in angeregten Diskussionen über die Rollenverteilung vertieft sind. Christina will die Director-Position übernehmen, doch Leonie will das auch. Es folgt ein intensives Augenkontakt-Duell, aber selbst Christina würde sich nicht mit Leonie anlegen. Ich meine so etwas Ähnliches gestern bei einer Tierwelt-Doku gesehen zu haben, behalte aber meine Beobachtungen vorerst lieber für mich. Im Augenwinkel sehe ich, wie Leonie ihren Blick zu mir schweifen lässt. Ich wollte eh nicht Director werden, denke ich mir, während ich erneut die Rollenverteilung für das Projekt, welches ausgedruckt vor mir liegt, durchlese. Endlich. Unser Lehrer erscheint.

Die Rollen werden verteilt. Leonie ist unser Director. Caro ihre Assistentin, sozusagen ihre rechte Hand. 3 Camera Operators sind auch schnell gefunden, die während der Show aus verschiedenen Winkel den Moderator und die Gäste filmen werden. Für das Studio-set werden aber deutlich mehr Personen gebraucht als lediglich Regie und Kamera. Es gibt einen Switcher, der live im Regie-Kontrollraum das übertragene Bild wechselt. Natürlich auf Kommando vom Director. Außerdem, der video editorsound engineer, und auto cue, sind für die technischen Aspekte der Show verantwortlich. Das heißt, alle Video-clips, Mikrophone und Moderationstext müssen funktionieren und zeitlich verfügbar sein während der Aufnahme. Dazu gibt es noch den Floor manager, sozusagen das Sprachrohr des Directors im Studio. Über intercom verbunden, gibt der Floor manager Anweisungen des Directors an den Moderator, Kamera-Crew und Gäste weiter. Zu guter Letzt, Guest relations sorgt dafür dass auch alle Gäste wirklich erscheinen und pünktlich auf ihren Plätzen sitzen.

Dann kann es ja auch endlich losgehen.

Heute ist endlich der Studio Day. Ich bin der Floor manager und beschäftige mich seit 30 Minuten damit, das Headset richtig an meinem etwas überdimensionalem Kopf zu befestigen. Finn filmt das Geschehen lachend mit der Kamera, bis Leonie über das intercom für Ruhe und Gehorsam sorgt. Caro, ihre Assistentin, lässt mich noch einmal über das Headset wissen, dass wir heute 4 Gäste erwarten und ich dafür sorgen muss, dass die Zeit von 30 Minuten eingehalten wird. Wie schwer kann das schon sein, denke ich mir. Aber da kannte ich auch noch nicht die Gäste.

Nach gut 20 Minuten der Show und 3 erfolgreich angewiesenen Gästen, werde ich langsam entspannter. Noch ein Gast, ein niederländischer Schlagerstar. Und ja, er hat alle Erwartungen übertroffen. Ich öffne die Tür des Studios um nachzuschauen und ihn einzulassen. Leicht erkennbar an einem XXL-Pelzmantel in schillernden Farben und einer 32 Zoll großen Sonnenbrille winke ich den Gast zu mir. Er nimmt nochmal einen kräftigen Schluck aus seiner mitgebrachten Bierflasche und reicht mir lächelnd den Rest. Das wäre für mich, meint er, es würde die Performance verbessern. Ich verzichte dankend.

Nichtsdestotrotz, ich habe es geschafft. Der letzte Gast ist pünktlich im Studio und nimmt nun neben der Moderatorin Platz. Ein weiteres Bier erscheint aus den Untiefen seines XXL-Mantels. Ein wenig beunruhigend, aber irgendwie auch faszinierend, denke ich mir. Dann folgt auch schon das Highlight der Show, eine Live-Performance seines Hit-songs. Es ist ein kultureller Klassiker mit dem Namen „Fuck You“ und äußerst beliebt bei den holländischen Crew-Mitgliedern. Die Stimmung steigt auf ein Hoch, als der Schlagerstar zum Abschluss noch einmal den Tisch erklimmt um auch die letzten Gäste zum Mittanzen aufzufordern. Zum Thema Entertainment können wir alle noch viel von ihm lernen.

Die Moderatorin versucht auf Abstand zu bleiben und blickt immer wieder hilfesuchend zu mir auf. Ich gebe ihr ein Zeichen, dass noch 1 Minute Sendezeit übrig ist. Mit Erleichterung beendet sie die Performance des Schlagerstars und spricht ein paar abschließende Worte in die Kamera. Wir haben es geschafft. Die Show ist im Kasten und bereit für den Upload auf YouTube.

Gar nicht mal so leicht so eine TV-Show zu machen, denke ich mir, und versuche erstmal die Bierquelle des Schlagerstars zu finden. Er zaubert zwei weitere Flaschen aus seinem Mantel hervor und wir stoßen auf das Ergebnis des Drehs an. So einen Studio Day könnte ich öfters machen.

Und so einen Mantel will ich auch.

von Kaspar

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